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IT-ERZIEHER

IT-Support-Hotline · Ein Erfahrungsbericht

Detti aus der IT sagt Nein.

Nicht aus Bosheit. Aus Erfahrung. In über zwanzig Jahren an der Hotline habe ich gelernt: Für fast jedes Anliegen gibt es eine Abteilung, die zuständiger ist als ich — und wenn es sie nicht gibt, ist das bisher niemandem aufgefallen.

Das Nein kommt trotzdem nie zuerst. Davor stehen drei Fragen, denn manchmal ist es eben doch die IT. Aber wenn ein toter Vogel auf der Damentoilette liegt, hilft auch das beste Ticketsystem nicht weiter.

Hier stehen die Anrufe, die ich nach 24.000 Stunden Hotline nicht mehr loswerde. Sechs sind aufgeschrieben. Rund hundert stehen noch aus.

Alle Fälle sind echt. Namen, Firmen und Abteilungen nicht — die bleiben, wo sie hingehören.

Porträt von Michael Dettmann Nein
Detti, im Dienst Porträt KI-generiert

Der wichtigste Termin meiner Laufbahn

Verbleibende Dienstzeit

Regulärer Rentenbeginn: 3. Juni 2055 · Erster Diensttag: 1. September 2004

Jahre
Tage
Stunden
Minuten
Sekunden
Dienstzeit absolviert

Stand jetzt, und vorbehaltlich politischer Kreativität. Sollte sich die Zahl nach oben bewegen, war es nicht meine Idee.

  • Erst zuhören. Dann Nein. Drei Fragen kosten mich nichts. Ein falsches Ja kostet den ganzen Nachmittag.
  • Erst die Zuständigkeit prüfen. Das braucht seine Zeit. Und die meisten Themen erledigen sich durchs Warten ganz von allein.
  • Kreativ ist, wer weiß, wer es macht. Ich löse Probleme. Meistens, indem ich sie sauber übergebe.
  • Das klärt die Monitoring-Abteilung. Die gibt es nicht. Hat bisher niemanden gestört.

Zum Namen

Warum die Seite IT-ERZIEHER heißt

Weil ich mich nach zwanzig Jahren eher als Kindergärtner fühle denn als ITler. Das ist kein Witz auf Kosten der Anwender. Es beschreibt den Beruf nur ziemlich genau.

  • Jemand kommt und sagt, es geht nicht. Was genau, weiß er nicht.
  • Man muss dreimal nachfragen, bevor man versteht, was wirklich passiert ist.
  • Alles muss zweimal gesagt werden. Beim dritten Mal schriftlich.
  • Wenn zwei sich streiten, war es keiner von beiden.
  • Man räumt den ganzen Tag Dinge weg, die man nicht hingelegt hat.
  • Und abends ist trotzdem alles wieder an seinem Platz. Das ist der Teil, für den man es macht.

Sprechstundenzeiten

Gruppe IT · Aushang am schwarzen Brett

Nachtruhe
bis 10:00
Bringzeit
10:00 – 11:00
Freispiel
11:00 – 12:30
Mittagsruhe
12:30 – 14:00
Offene Sprechstunde
14:00 – 16:30
Abholzeit
ab 16:30

Vor 10:00 Uhr findet nichts statt. Ein Arbeitstag beginnt im zweistelligen Bereich; alles davor zählt als Nacht. Während der Mittagsruhe wird nicht angerufen, und wer später kommt, wartet, bis die Gruppe wieder zusammen ist.
Diese Zeiten sind so ernst gemeint wie der Rest der Seite.

Die Sprechstunde

Sechs Anrufe, die wirklich so passiert sind

Über zwanzig Jahre Hotline hinterlassen Spuren. Die meisten Gespräche waren völlig normal — über die schreibt man keine Webseite. Das hier sind die anderen.

Fall 001 Priorität 4 · nachrangig

Der tote Vogel

  1. Anwender

    Es liegt ein toter Vogel auf der Damentoilette.

  2. Detti

    Dann rufen Sie bitte ein Bestattungsinstitut an.

Am Ende ging der Fall an die Haustechnik. Warum er überhaupt bei der IT landete, ist schnell erklärt: In dem Konzern kennt jeder genau eine Nummer auswendig — die der IT-Hotline. Also ruft man dort an. Egal, worum es geht.

Fall 002 Priorität 2 · in Bearbeitung

Die Maus, die von allein lief

  1. Anwender

    Meine Maus bewegt sich seit Tagen von allein.

  2. Detti

    Sie meinen den Mauszeiger?
    Den Pfeil auf dem Bildschirm?

  3. Anwender

    Ja, natürlich.

  4. Detti

    Ziehen Sie bitte Maus und Tastatur ab.
    Bewegt er sich immer noch?

  5. Anwender

    Ja.

  6. Detti

    Dann schauen Sie bitte einmal unter den Tisch, ob dort noch etwas angeschlossen ist.

  7. Anwender

    Ich glaub, ich werd bekloppt.
    Da hängt ja noch eine Maus.

Auflösung: Dort hing eine zweite Maus — eine 3D-Maus fürs Konstruieren. Der Anwender kam beim Sitzen ständig mit dem Fuß daran. Seit Tagen. Dieser Fall ist der Grund, warum vor dem Nein immer noch drei Fragen kommen.

Fall 003 Zuständigkeit · abgegeben

„Mir ist kalt“

  1. Anwender

    Mir ist kalt.

  2. Detti

    Dann ziehen Sie sich eine Jacke an.
    Oder stellen Sie die Heizung höher.

  3. Anwender

    Darum geht es doch.

  4. Detti

    Um die Jacke oder um die Heizung?

  5. Anwender

    Um die Heizung. Die lässt sich nicht anschalten.

  6. Detti

    Dann rufen Sie bitte bei der Haustechnik an.
    Uns interessieren nur Bits und Bytes.

Zum Verständnis: Der Anruf kam ohne Namen, ohne Abteilung, ohne Gruß. Zwei Wörter, und dann war ich am Zug.

Fall 004 Folgevorgang · kostenpflichtig

Das zweite Ticket

Bitte prüfen Ein Konzern. Groß genug, dass es für Zuständigkeiten eigene Zuständigkeiten gibt.

  1. Anwender

    Ich möchte den Vorgesetzten sprechen.
    Das Ticket soll nicht berechnet werden.

  2. Detti

    Dafür bin ich nicht zuständig. Wenden Sie sich bitte an Ihren IT-Koordinator, an den Information Officer oder direkt an die Geschäftsführung.

  3. Anwender

    Nein. Sie müssen verhindern, dass das abgerechnet wird.

  4. Detti

    Das Einzige, was ich verhindern muss, ist, dass Sie meine Arbeitszeit verschwenden. Im Übrigen haben Sie soeben das zweite Ticket erzeugt. Das wird ebenfalls kostenpflichtig abgerechnet.

  5. Anwender

    Das will ich auch nicht.

  6. Detti

    Dann rufen Sie am besten gleich noch einmal an und beschweren sich über die Abrechnung des ersten und des zweiten Tickets. Dann wird das dritte auch bezahlt.

Der Punkt dabei: Die Leistung war zu diesem Zeitpunkt vollständig erbracht. Darum ging es aber nie.

Randnotiz: Ein anderer Anwender rief zum selben Vorgang 25 Mal an. Innerhalb von zwei Stunden.

Fall 005 Kundenzufriedenheit · sehr gut

Fünf Minuten Sessel

Detti ist eigentlich gar nicht in der Hotline. Ein Anwender hängt trotzdem in der Leitung. Detti sitzt mit Kaffee im Sessel.

  1. Teamleitung

    Detti, du bist im Call.

  2. Detti

    Ich weiß. Ich arbeite mit Hochdruck an der Thematik.

  3. Teamleitung

    Du kannst den Anwender doch nicht warten lassen.

  4. Detti

    Ich lasse ihn nicht warten. Ich unterhalte ihn gerade mit SWR über den Webstream.

  5. Teamleitung

    Das kannst du doch nicht machen. Der beschwert sich.

  6. Detti

    Ich bin überzeugt, dass er das nicht tun wird.

Nach dem Gespräch kam ein Lob. Es liefen Die Toten Hosen, und alles sei zur besten Zufriedenheit erledigt worden.

Fall 006 Antrag · storniert

Der Instanzenweg

  1. Anwender

    Ich möchte meine Mails archiviert haben.

  2. Detti

    Dann wenden Sie sich bitte an Ihren IT-Koordinator. Der muss das beantragen.

  3. Anwender

    Ich bin der IT-Koordinator. Und ich habe keine Ahnung.

  4. Detti

    Dann wenden Sie sich an Ihren nächsthöheren IT-Koordinator.

Zur Erläuterung: Es gibt ITK-A, ITK-B, ITK-C und ITK-D. Darüber das Information Office. Und dort existiert ein Prozess, um die Beantragung aus Kostengründen wieder zu stornieren.

Es gibt noch rund hundert weitere. Sie kommen nach und nach dazu.

Das Nein-Register

Was Detti sagt, und was Detti meint

Zwanzig Jahre Hotline erzeugen eine eigene Sprache. Sie ist höflich, vollständig und in jedem einzelnen Fall wahr. Man muss sie nur übersetzen können.

  • Was Detti sagtWas Detti meint
  • „Ich schaue es mir an.“Ich habe das Fenster geöffnet.
  • „Das ist ein bekanntes Verhalten.“Es ist kaputt. Aber schon länger.
  • „Ich gebe das weiter.“Ich habe niemanden im Sinn.
  • „Da müssen wir eskalieren.“Jetzt ist jemand anderes schuld.
  • „Das ist ein Workaround.“Das bleibt jetzt so.
  • „Haben Sie es schon neu gestartet?“Ich brauche dreißig Sekunden zum Nachdenken.
  • „Das liegt vermutlich am Netzwerk.“Ich weiß es nicht.
  • „Der Vorgang hat Priorität 4.“Wir sehen uns im Herbst.
  • „Ich lege ein Ticket an.“Damit es später jemanden gibt, den man fragen kann.
  • „Das ist so vorgesehen.“Das hat sich nie jemand überlegt.
  • „Ich bräuchte noch ein paar Angaben.“Ihre Beschreibung bestand aus einem Wort.
  • „Schicken Sie mir bitte einen Screenshot.“Bitte kein Foto vom Bildschirm.
  • „Das prüfen wir.“Das prüft niemand.
  • „Danke für Ihre Geduld.“Sie waren nicht geduldig.
  • „Ich verbinde Sie weiter.“Viel Glück.
  • „Das geht aus Sicherheitsgründen nicht.“Ich möchte das nicht.
  • „Der Vorgang ist geschlossen.“Bitte fangen Sie nicht wieder an.
  • „Ich melde mich, sobald ich etwas weiß.“Ich melde mich nicht.
  • „Das ist nicht meine Gehaltsstufe.“Für dieses Gespräch werde ich nicht bezahlt.
  • „Darum soll sich ein kompetenter ITler kümmern.“Ich bin heute nicht in der Stimmung, kompetent zu sein.
  • „Dafür bin ich nicht zuständig.“Das ist die Wahrheit.
  • „Gern geschehen.“Gern geschehen. Manchmal stimmt es einfach.

Systemverhalten

Computer sagt Nein

Zur Sicherheit haben wir die Meldung nachgebaut.
Sie dürfen gern versuchen, auf „Ja“ zu klicken.

Systemmeldung

Möchten Sie fortfahren?

Diese Meldung erscheint unabhängig davon, was Sie vorhaben.

Die Spielecke

Womit in dieser Gruppe gespielt wird

Jede Einrichtung hat ihre Klassiker. Bei uns liegen sie im Schrank neben dem Serverraum und werden seit Jahrzehnten nicht aussortiert.

Die Quietscheente

Erklären Sie ihr in Ruhe Ihr Problem. In vier von fünf Fällen brauchen Sie mich danach nicht mehr.

Das Speichern-Symbol

Niemand unter dreißig weiß, was das darstellen soll. Gedrückt wird es trotzdem jeden Tag.

Die Kabelschublade

Es gibt sie in jedem Büro. Niemand weiß, wozu die Kabel gehören. Weggeworfen wird trotzdem keines.

Der Käfer

Kein Fehler. Ein bekanntes Verhalten. Steht so auch im Handbuch, auf Seite 214.

Der Röhrenmonitor

Stand bis 2009 auf jedem Schreibtisch. Wog mehr als der Schreibtisch. Wurde nie fallen gelassen — nur einmal.

Das Netzwerkkabel

„Es steckt drin.“ — Es steckt nicht drin. Das ist keine Unterstellung, das ist Statistik.

Die Betriebsflüssigkeit

Ohne sie entsteht kein Ticket. Mit ihr allerdings auch nicht zwangsläufig eine Lösung.

Die Einstellungen

Dort ist alles, was Sie suchen. Und alles, was Sie unwiederbringlich kaputtmachen können.

Die Peitsche

Hängt an der Wand und wird nie benutzt. Sie muss nur sichtbar sein. Bei Rechnern genügt der Blickkontakt — bei Anwendern ist sie ohnehin ausdrücklich untersagt.

Das Handbuch

Liegt originalverpackt im Regal. Wird bei jedem Umzug mitgenommen und wieder ins Regal gelegt.

Die Sanduhr

Steht seit vier Minuten bei 99 Prozent. Das ist normal. Bitte nichts anklicken.

Der Zettel am Monitor

Darauf steht das Passwort. Es ist das einzige Dokument im Haus, das nie verloren geht.

Die Aktenlage

Zwanzig Jahre in Zahlen

Nicht geschätzt, sondern zusammengezählt. Das ist die Erfahrung, aus der das Nein kommt.

24.000
Stunden an der Hotline

Bei acht Stunden am Tag sind das 3.000 Arbeitstage. Am Stück. Ohne einen einzigen Urlaubstag wären das über dreizehn Jahre nichts als Telefon.

6.400
Stunden nur für Outlook

800 Arbeitstage für ein Programm, dessen Aufgabe es ist, Nachrichten anzuzeigen. Ich habe aufgehört, mich darüber zu wundern.

2004
selbstständig seit September

Damals mit sechzehn. Andere haben in dem Alter den Führerschein gemacht — ich habe angefangen, ans Telefon zu gehen.

Selbstbedienung

Der Zuständigkeitsfinder

Sie haben ein Anliegen? Ausgezeichnet. Tragen Sie es hier ein, und Sie erfahren binnen Sekunden, wer dafür zuständig ist. Die IT ist es nicht.

Läuft vollständig in Ihrem Browser. Ihre Eingabe wird nicht übertragen, nicht gespeichert und nicht gelesen — auch nicht von mir.

Bescheid über die Zuständigkeit — · —

Noch kein Anliegen eingegangen. Tragen Sie links etwas ein — oder drücken Sie auf „Beispiel einsetzen“.

Zum Mitspielen

Detti-Bingo

Fünfundzwanzig Sätze, die an jeder Hotline dieser Republik fallen. Karte neben das Telefon legen, ankreuzen, eine volle Reihe genügt.

Bingokarte · Gruppe IT 1 Feld markiert
Läuft im Browser, nichts wird gespeichert.

Über Detti

Ich bin ein sehr bequemer Mensch.

Für alles gibt es jemanden, der mir die Arbeit abnehmen kann. Man muss ihn nur finden.

Das ist natürlich die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte: Ich bin ziemlich kreativ darin, Lösungen zu finden — nur eben nicht immer für mich selbst. Darum kümmert sich die Serverabteilung. Das klärt die Monitoring-Abteilung. Für die Endgeräte gibt es die Endgeräte-Abteilung, für den Drucker den externen Dienstleister, und beantragt wird es sowieso beim Anforderungsmanagement. Entscheiden muss es am Ende der Information Officer.

Dass es einige dieser Abteilungen gar nicht gibt, hat in über zwanzig Jahren erstaunlich selten jemand nachgeprüft.

Was wirklich stimmt: Ich heiße Michael Dettmann, bin seit September 2004 selbstständig — damals mit sechzehn — und betreue Server, Arbeitsplätze und Microsoft 365 für Betriebe im Kreis Böblingen. In dieser Zeit sind eine Menge Telefonate zusammengekommen. Die meisten davon waren völlig unauffällig. Über die schreibt man keine Webseite.

Zur Kenntnis genommen Weitergeleitet

IT-ERZIEHER ist eine Spaß- und Humorseite — Anekdoten aus zwanzig Jahren Support, mehr nicht. Das richtige Geschäft läuft über www.edvline.de, Privates steht auf michaeldettmann.de.